Mein Vorgesetzter als Narzisst – Ein Erfahrungsbericht

Wenn der Montagmorgen nicht mit Motivation beginnt, sondern mit Übelkeit. Wenn der Gedanke an die Arbeit Angst auslöst statt Vorfreude. Wenn man jeden Abend erschöpft nach Hause kommt, nicht von der Arbeit selbst, sondern vom ständigen Versuch, es jemandem recht zu machen, der nie zufrieden sein wird. Dann arbeitet man vermutlich für einen narzisstischen Vorgesetzten.

Ich habe drei Jahre unter einem solchen Chef gearbeitet. Drei Jahre, die mein Selbstvertrauen zerstört, meine Gesundheit ruiniert und mich fast meine Karriere gekostet haben. Das ist meine Geschichte.

Der perfekte erste Eindruck

Im Bewerbungsgespräch war er beeindruckend. Charismatisch, visionär, eloquent. Er sprach von Innovation, von einem Team, das wie eine Familie funktioniert, von flachen Hierarchien und offener Kommunikation. „Wir schätzen Initiative und kreative Köpfe“, sagte er und lächelte warm.

Ich war begeistert. Endlich ein Chef, der Mitarbeiter nicht als Ressourcen, sondern als Menschen sieht. Endlich ein Arbeitsplatz, an dem ich mich entfalten kann. So dachte ich.

Die ersten Wochen schienen meine Hoffnungen zu bestätigen. Er war freundlich, interessiert, lobte meine Einarbeitung. „Sie werden eine Bereicherung für unser Team sein“, sagte er. Ich fühlte mich wertgeschätzt. Angekommen. Endlich am richtigen Ort.

Doch diese Honeymoon-Phase endete abrupt.

Als die Maske fiel

Der erste Riss kam, als ich in einem Meeting eine Idee vorschlug, die von seinen Plänen abwich. Nicht drastisch, nur eine kleine Optimierung. Die Atmosphäre im Raum änderte sich sofort. Sein Lächeln gefror. Seine Augen wurden kalt.

„Das haben wir bereits durchdacht“, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Vielleicht sollten Sie erst einmal verstehen, wie wir hier arbeiten, bevor Sie Vorschläge machen.“

Die Demütigung vor dem gesamten Team. Die anderen Kollegen blickten betreten auf ihre Unterlagen. Niemand sagte etwas. Ich fühlte mich klein, dumm, fehl am Platz. Aber ich redete mir ein, dass ich vielleicht wirklich zu vorschnell gewesen war.

Das war mein erster Fehler: seine Reaktion zu entschuldigen statt sie als das zu erkennen, was sie war – ein Warnzeichen.

Das Spiel mit Erfolg und Misserfolg

Ich lernte schnell die ungeschriebenen Regeln: Erfolge gehörten ihm. Fehler gehörten mir.

Ein Projekt, an dem ich monatelang gearbeitet hatte, präsentierte er der Geschäftsführung als sein eigenes Werk. „Wir haben hier eine innovative Lösung entwickelt“, sagte er, während ich neben ihm stand und jedes „wir“ wie einen Schlag empfand. Mein Name fiel nicht ein einziges Mal.

Als ich ihn später darauf ansprach – vorsichtig, diplomatisch – sah er mich verwirrt an. „Aber ich habe doch gesagt ‚wir‘. Sie sind Teil des Teams. Was ist Ihr Problem?“

Gaslighting vom Feinsten. Ich begann an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. War ich zu empfindlich? Zu ehrgeizig? Ging es nicht um das Team, nicht um Einzelpersonen?

Aber wenn etwas schiefging – und bei der Komplexität unserer Projekte ging immer mal etwas schief – war die Schuldfrage glasklar. In seinem Büro, die Tür geschlossen, fuhr er mich an: „Wie konnten Sie so einen Fehler machen? Das ist unprofessionell. Ich verlasse mich auf Sie, und Sie enttäuschen mich.“

Dass er die Entscheidung getroffen hatte, die zum Problem führte? Dass ich ihn auf Risiken hingewiesen hatte, die er abgetan hatte? Irrelevant. In seiner Version der Geschichte war ich immer das Problem.

Die beweglichen Ziele

Das Schlimmste war die absolute Unberechenbarkeit. Was gestern richtig war, konnte heute völlig falsch sein. Ich erledigte Aufgaben genau nach seinen Anweisungen – und wurde dafür kritisiert, nicht mitgedacht zu haben. Ich zeigte Initiative – und wurde dafür gerügt, eigenmächtig gehandelt zu haben.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen es anders machen“, behauptete er dann, obwohl ich E-Mails hatte, die das Gegenteil bewiesen. Wenn ich diese E-Mails erwähnte, wurde er wütend. „Sie klammern sich an Formalitäten statt das Gesamtbild zu sehen.“

Ich konnte nicht gewinnen. Das Spiel war von vornherein manipuliert.

Die Spaltung des Teams

Ein narzisstischer Vorgesetzter spaltet das Team. Teile und herrsche – das war seine unausgesprochene Strategie.

Es gab die „Favoriten“ – meist diejenigen, die ihm bedingungslos zustimmten, die ihn lobten, die seine Großartigkeit bestätigten. Sie bekamen die interessanten Projekte, die Gehaltserhöhungen, die Anerkennung.

Und es gab den Rest von uns. Diejenigen, die kritische Fragen stellten, eigene Ideen hatten oder einfach nicht bereit waren, das Spiel mitzuspielen. Wir wurden systematisch kleingemacht, ausgegrenzt, unsichtbar gemacht.

Er spielte uns gegeneinander aus. Lobte den einen vor dem anderen. Erzählte Kollege A, was Kollege B angeblich über ihn gesagt hatte – meist Lügen oder verdrehte Wahrheiten. Schuf eine Atmosphäre des Misstrauens und der Konkurrenz.

Das Team, das er als „Familie“ bezeichnet hatte, war eine dysfunktionale Ansammlung von Menschen geworden, die einander belauerten statt miteinander zu arbeiten. Jeder versuchte zu überleben, und Überleben bedeutete oft, andere unter den Bus zu werfen.

Ich sah gute Kollegen gehen. Talentierte Menschen, die die toxische Atmosphäre nicht länger ertrugen. Und jedes Mal, wenn jemand kündigte, präsentierte er es als Versagen dieser Person. „Er/sie war einfach nicht belastbar genug für dieses Level.“

Die Performance-Reviews

Die jährlichen Mitarbeitergespräche wurden zu Albträumen. Egal wie gut ich gearbeitet hatte, das Feedback war vernichtend.

„Sie haben Potential, aber Sie müssen lernen, besser zu kommunizieren.“ „Sie sind manchmal zu emotional.“ „Sie müssen mehr Eigeninitiative zeigen.“ (Das Gleiche, das er bei anderer Gelegenheit als „eigenmächtig“ kritisiert hatte.)

Die Zielsetzungen, die wir gemeinsam formulierten, waren entweder vage genug, um später beliebig interpretiert zu werden, oder so unrealistisch, dass Scheitern vorprogrammiert war.

Ich ging aus diesen Gesprächen mit dem Gefühl völliger Inkompetenz. Begann an meinen Fähigkeiten zu zweifeln. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht war ich wirklich nicht gut genug.

Die Meetings – Theater der Selbstdarstellung

Meetings unter ihm waren weniger Arbeitsbesprechungen als Bühnen für seine Selbstdarstellung. Er monopolisierte das Gespräch, unterbrach andere, stellte sein Wissen zur Schau – selbst bei Themen, von denen er offensichtlich keine Ahnung hatte.

Widerspruch wurde nicht geduldet. Wenn jemand eine andere Meinung äußerte, wurde diese Person entweder ignoriert oder subtil lächerlich gemacht. „Interessanter Gedanke, aber wer die Materie wirklich versteht, sieht das anders.“

Er liebte es, Mitarbeiter vor anderen bloßzustellen. Stellte Fragen, deren Antwort er kannte, nur um dann genüsslich zu demonstrieren, wie viel klüger er war. „Nein, so ist das nicht. Lassen Sie mich das erklären…“

Die Meetings dauerten oft doppelt so lange wie nötig, nicht weil die Themen so komplex waren, sondern weil er sich selbst reden hören musste.

Viele Kollegen schalteten innerlich ab. Nickten mechanisch. Warteten einfach, bis sie gehen durften. Produktivität? Kreativität? Innovation? All das, was er anfangs versprochen hatte, war unter seiner Führung erstickt worden.

Die zwei Gesichter

Was mich besonders frustrierte, war seine Fähigkeit, nach oben hin völlig anders zu sein. Vor seinen Vorgesetzten war er der perfekte Manager: kompetent, teamorientiert, ergebnisorientiert.

Er hatte eine unglaubliche Begabung, Erfolge so zu präsentieren, dass sie ausschließlich sein Verdienst waren, während Probleme mysteriöse externe Faktoren oder „Herausforderungen im Team“ waren – nie sein Führungsstil.

Die Geschäftsführung liebte ihn. Sah in ihm einen zukünftigen Abteilungsleiter. Einen Star.

Als ich schließlich, nach fast zwei Jahren, den Mut fand, mich bei HR über sein Verhalten zu beschweren, stieß ich auf eine Mauer. „Er ist einer unserer besten Manager“, sagten sie. „Vielleicht liegt das Problem in Ihrer Arbeitsbeziehung. Haben Sie versucht, offener zu kommunizieren?“

Ich verließ das Gespräch mit noch mehr Schuldgefühlen und dem Wissen, dass sich nichts ändern würde. Er hatte die Organisation überzeugt. Ich war nur eine schwierige Mitarbeiterin, die nicht ins Team passte.

Die körperlichen und psychischen Folgen

Die ständige Anspannung forderte ihren Tribut. Sonntagabends lag ich wach, mein Magen in Knoten, und dachte an die bevorstehende Woche. Montagmorgen wachte ich mit Kopfschmerzen auf. Im Büro hatte ich ständig Verspannungen im Nacken.

Ich begann, private Probleme zu haben. War gereizt, erschöpft, emotional nicht verfügbar. Freunde beschwerten sich, dass ich nur noch über die Arbeit rede und zwar negativ. Meine Partnerschaft litt.

Ich entwickelte Angstzustände. Jedes Mal, wenn eine E-Mail von ihm eintraf, spürte ich, wie sich mein Brustkorb zusammenzog. Der Ton, der eine neue Nachricht ankündigte, löste eine Panikreaktion aus.

Ich ging zum Arzt wegen Schlafstörungen, Magenproblemen, permanenter Erschöpfung. Er fragte nach Stress am Arbeitsplatz. Ich erzählte ihm alles. „Das klingt nach einem toxischen Arbeitsumfeld“, sagte er. „Haben Sie darüber nachgedacht, zu kündigen?“

Aber ich konnte nicht. Ich brauchte den Job. Die Referenz. Das Gehalt. Und ein Teil von mir, der Teil, den er systematisch zerstört hatte, glaubte immer noch, dass ich das Problem war.

Der Wendepunkt

Der Moment, der alles änderte, kam unerwartet. Eine neue Kollegin fing an jung, motiviert, voller Enthusiasmus. Ich sah, wie sie die gleiche Behandlung durchlief, die ich erlebt hatte. Die anfängliche Freundlichkeit. Das plötzliche Umschlagen. Die Kritik. Die Manipulation.

Und ich sah ihr Gesicht während eines Meetings, als er sie vor allen anderen herunterputzte. Das gleiche Gesicht, das ich im Spiegel gesehen hatte: gedemütigt, verwirrt, verletzt.

In diesem Moment wurde mir klar: Es lag nicht an mir. Es lag nie an mir. Es war ein Muster. Und ich war nur das neueste Opfer in einer langen Reihe.

Ich begann zu recherchieren. „Narzisstischer Chef“, „toxische Führung“, „psychologischer Missbrauch am Arbeitsplatz“, plötzlich hatte meine Erfahrung einen Namen. Ich las Erfahrungsberichte anderer Menschen, die fast identisch waren mit meinem Erleben.

Ich war nicht verrückt. Ich war nicht inkompetent. Ich arbeitete unter einem narzisstischen Vorgesetzten, und was ich durchmachte, war eine dokumentierte Form von Missbrauch.

Die Entscheidung zu gehen

Die Entscheidung zu kündigen war gleichzeitig die schwerste und die beste meines Lebens. Ich hatte keinen neuen Job. Ich hatte Angst vor der Arbeitslosigkeit, vor Lücken im Lebenslauf, vor schlechten Referenzen.

Aber ich hatte mehr Angst davor, was noch mehr Zeit in diesem toxischen Umfeld mit mir machen würde. Ich war bereits ein Schatten meiner selbst geworden. Wenn ich blieb, würde ich komplett zerbrechen.

Also kündigte ich. In seinem Büro, die Tür geschlossen. Ich hielt mein vorbereitetes Statement so neutral wie möglich: neue berufliche Herausforderung, persönliche Gründe.

Seine Reaktion war typisch. Zuerst Ungläubigkeit, wie konnte ich es wagen, ihn zu verlassen? Dann Manipulation: „Sie machen einen Fehler. Sie werden es bereuen. Wo werden Sie eine Stelle finden, die so gut ist wie diese?“

Als das nicht funktionierte, kam die Kälte. „Dann gehen Sie halt. Wir finden leicht Ersatz. Sie waren ohnehin nie wirklich Teil des Teams.“

Ich ging aus diesem Gespräch mit zitternden Händen,  aber auch mit einem Gefühl der Erleichterung. Die Entscheidung war getroffen. Der Countdown hatte begonnen.

Die letzten Wochen

Die Kündigungsfrist war die Hölle. Er ignorierte mich komplett oder behandelte mich, als wäre ich Luft. Bei Meetings erwähnte er mich nicht, gab mir keine Aufgaben mehr, schnitt mich aus allen wichtigen Kommunikationen heraus.

Gleichzeitig verbreitete er seine Version meines Weggangs: „Sie konnte dem Druck nicht standhalten.“ „Sie ist nicht teamfähig.“ „Sie war nie wirklich engagiert.“

Einige Kollegen glaubten ihm. Andere, diejenigen, die selbst unter ihm gelitten hatten, verstanden. Eine Kollegin sagte mir leise: „Ich wünschte, ich hätte deinen Mut.“

An meinem letzten Tag gab es keine Abschiedsfeier, kein gemeinsames Mittagessen, keine Dankesrede. Ich packte meine Sachen, gab meinen Schlüssel ab und ging. Niemand schien es zu bemerken.

Auf dem Weg nach draußen fühlte ich mich leer, aber frei.

Der Weg danach

Die ersten Wochen nach der Kündigung waren seltsam. Ich wachte morgens auf und fühlte… nichts. Keine Panik. Keine Übelkeit. Keine Angst. Es dauerte, bis ich verstand: Das war nicht Leere. Das war Frieden.

Ich nahm mir Zeit. Machte eine Therapie, um die Erfahrung zu verarbeiten. Lernte, wieder an meine Fähigkeiten zu glauben. Verstand, dass drei Jahre unter einem narzisstischen Chef mein Selbstbewusstsein zerstört hatten, aber dass ich es wieder aufbauen konnte.

Ich fand einen neuen Job. Einen Chef, der konstruktiv kritisiert statt zu erniedrigen. Ein Team, das wirklich zusammenarbeitet. Eine Umgebung, in der ich mich wieder entfalten kann.

Und zum ersten Mal seit Jahren freue ich mich montags auf die Arbeit.

Was ich gelernt habe

Ein narzisstischer Chef ist nicht zu ändern. Du kannst dich nicht genug anpassen, nicht hart genug arbeiten, nicht perfekt genug sein. Das Problem bist nie du, das Problem ist er.

Dokumentiere alles. E-Mails, Gespräche, Entscheidungen. Nicht aus Paranoia, sondern aus Selbstschutz.

Sprich mit anderen. Oft wirst du feststellen, dass du nicht der Einzige bist, der diese Erfahrung macht. Das validiert deine Wahrnehmung und nimmt dir die Schuld.

Such dir professionelle Hilfe. Ein Therapeut kann dir helfen, die Erfahrung einzuordnen und dein Selbstwertgefühl wieder aufzubauen.

Und vor allem: Wisse, wann es Zeit ist zu gehen. Deine psychische und physische Gesundheit ist wichtiger als jeder Job. Keine Karriere, kein Gehalt, keine Referenz ist es wert, dich selbst zu zerstören.

Für alle, die unter einem narzisstischen Chef leiden: Wenn du gerade in dieser Situation steckst, möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. Du bist nicht das Problem. Und es gibt einen Weg hinaus.

Es mag sich jetzt nicht so anfühlen, aber du hast Optionen. Du musst nicht bleiben. Du musst nicht ertragen. Du darfst gehen, dich schützen, dich selbst wählen.

Der narzisstische Chef wird weitermachen. Er wird neue Mitarbeiter finden, die er manipulieren kann. Aber du musst nicht einer von ihnen sein.

Du verdienst einen Arbeitsplatz, an dem deine Leistung anerkannt wird. Wo Fehler als Lernchancen gesehen werden, nicht als Waffen. Wo du als Mensch respektiert wirst, nicht als Werkzeug für jemandes Ego.

Dieser Arbeitsplatz existiert. Ich habe ihn gefunden. Und du wirst ihn auch finden.

Hab Mut. Vertrau dir selbst. Und geh, wenn es Zeit ist zu gehen.

Dein zukünftiges Ich wird es dir danken.

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